Verkosten & genießen.
Beurteile einen Obstbrand in dieser Reihenfolge: Aussehen, Geruch, Geschmack. Das passende Glas und die Temperatur helfen, Aromen und Fehltöne zu erkennen. Für einen systematischen Vergleich kannst du dich an professionellen Bewertungsschemata orientieren.
Auge, Nase, Gaumen.
Prüfe zuerst das Aussehen, dann den Geruch und zuletzt den Geschmack. Viele Fehltöne erkennst du bereits mit der Nase.
Nase
Gaumen
Beim Verkosten Pausen einlegen.
Der Geruchssinn ermüdet schnell, oft unbemerkt. Verkoste deshalb nur wenige Brände hintereinander und lege Pausen ein. Schnuppere in kurzen Zügen. Ein Urteil am Ende einer langen Probenreihe ist weniger verlässlich.
Die Fachliteratur beschreibt für Prämierungen eine Begrenzung auf rund 60 Proben am Tag. Unangekündigte Kontrollproben prüfen, ob die Jury noch zuverlässig unterscheidet.
Fünf Schritte so läuft eine Prüfung ab
Sensorik ist ein erlernbarer Ablauf: wahrnehmen → erkennen → mit Erinnertem vergleichen → beschreiben → benoten. Der dritte Schritt ist der entscheidende – und die ehrliche Grenze: Wer eine Obstart noch nie verkostet hat, kann sie auch nicht beurteilen. Aromabeschreibungen aus Büchern sind Anhaltspunkte, kein Ersatz für den eigenen gespeicherten Eindruck.
Gemeinsam und blind verkosten
Den eigenen Brand beurteilt man am verlässlichsten zusammen mit anderen Produkten, in neutraler Umgebung, in der Gruppe und anonymisiert – wer weiß, was im Glas ist, schmeckt es mit. Profis verkosten zu dritt oder viert, jeder erst für sich schriftlich, danach die Diskussion. Dabei werden die Einzelurteile kritisch geprüft.
Temperatur und Glas wählen.
Für Obstbrand eignen sich 15–18 °C, für die Verkostung etwa 18 °C. Kälte schwächt den Aromaeindruck und kann einen Brand aromaschwach wirken lassen.
Verwende ein bauchiges Nosing-Glas mit enger Öffnung. Fülle es nur zu einem Drittel, damit sich die Aromen darüber sammeln. Angebrochene Flaschen dicht verschließen und große Leerräume vermeiden: Bereits verflüchtigte Aromastoffe lassen sich nicht zurückholen.
Was eine Prämierung bewertet.
Wer wissen will, wie der eigene Brand systematisch beurteilt wird, kann sich am Schema der DLG-Prüfung orientieren. Geprüft wird beschreibend und benotet zugleich, nach genormten Verfahren (DIN 10964 u. a.): Ein geschultes Panel beurteilt jedes Merkmal – beim klaren Obstbrand Aussehen/Klarheit, Geruch und Geschmack – auf einer Skala von 5 (sehr gut) abwärts bis 1 (nicht zufriedenstellend) und 0 (ungenügend). Aus den gewichteten Einzelnoten ergibt sich die Qualitätszahl.
Für die Auszeichnung „DLG-geprüfte Qualität“ muss eine Spirituose mindestens die Qualitätszahl 4,3 erreichen und in Sensorik und Verpackung mindestens 3,0 sowie bei der Kennzeichnung 5,0 – ein einzelner Fehlton zieht das ganze Ergebnis nach unten. Dieselbe Disziplin lohnt auch zu Hause: jede Achse einzeln beurteilen und einen klaren Mangel das Urteil deckeln lassen.
Die Skala in Kürze
5 sehr gut … 1 nicht zufriedenstellend … 0 ungenügend. Die Qualitätszahl ist das gewichtete Mittel der Einzelnoten; ausgezeichnet wird ab 4,3, mit mindestens 3,0 in Sensorik und Verpackung sowie 5,0 bei der Kennzeichnung.
Eine dokumentierte Gewichtung sieht so aus: Farbe × 3, Klarheit × 3, Geruch × 5, Geschmack × 9 – die gewichtete Summe geteilt durch 20 ergibt die Qualitätszahl. Der Geschmack wiegt in diesem Beispiel dreimal so schwer wie Farbe oder Klarheit einzeln; beide optischen Merkmale zusammen haben Gewicht 6. (So in der Fachliteratur von 2010 abgebildet; die jeweils gültige, produktspezifische Gewichtung legt die DLG selbst fest.)
DLG und Destillata Bewertungssysteme
Die DLG verleiht Spirituosen „DLG-geprüfte Qualität“ und vergibt zusätzlich Sonderauslobungen für besonders gute Produkte. Ihre Beschreibung der Spirituosenprüfung 2026 nennt auch Typizität und Harmonie. Die konkrete Bewertung richtet sich nach dem aktuellen produktspezifischen Schema.
Auch andere Prämierungen bewerten diese Eigenschaften. Die Wiener Destillata etwa benotet genau vier Kriterien – Sauberkeit im Geruch, Frucht-Typizität, Geschmack und Harmonie –, ganze Punkte, ohne Gewichtung addiert. „Harmonie“ ist dort bewusst der Posten, in den auch das persönliche Empfinden einfließen darf.
Prämierungen im deutschsprachigen Raum.
Wer den eigenen Brand einreichen will, findet im DACH-Raum mehrere etablierte Adressen: die DLG und die Verbände der Klein- und Obstbrenner in Deutschland, die Destillata in Wien und World-Spirits in Bad Kleinkirchheim in Österreich, Distisuisse und die Fondation rurale interjurassienne in der Schweiz, dazu zahlreiche regionale Prämierungen. Woran man eine seriöse Prämierung erkennt: Sie ergänzt die Sensorik um eine analytische Laborkontrolle – Proben, die die gesetzlichen Vorgaben verfehlen, werden ausgeschlossen – und sichert die ausgezeichneten Produkte per GC-Fingerprint ab, damit später im Handel nachprüfbar ist, ob in der Flasche noch dasselbe steckt wie in der eingereichten Probe.
Quellen: Verkostung mit drei Sinnen und Trinkkultur nach Josef Pischl, „Schnapsbrennen“ (Stocker Verlag), sowie Bettina Malle / Helge Schmickl, „Schnaps brennen als Hobby“; das Bewertungsschema nach den DLG-Prüfbestimmungen (8. Aufl., Kapitel „Spirituosen“) und den DLG-Expertenwissen-Heften zur beschreibenden sensorischen Prüfung (DIN 10964/10969); Geruchsermüdung, Ablauf der sensorischen Prüfung, Verkostungstemperatur, die dokumentierte DLG-Gewichtung (Tab. 37), der Destillata-Bewertungsbogen und die Prämierungsliste nach Dürr/Albrecht/Gössinger/Hagmann, „Technologie der Obstbrennerei“ (Ulmer, 3. Aufl. 2010), Kapitel 9.5. Mehr zur Praxis: Spirituosenfehler · Herabsetzen & Reifen.
